Montag, 19. Mai 2008

Web 2.0 - Doch Panik: digital divide und Demokratie

Im letzten Beitrag habe ich unter dem Motto „keine Angst vor Web 2.0“ über die Ängste gespottet, die mit dem Begriff Web 2.0 verbunden werden. Ich möchte jetzt jedoch ein paar Aspekte jenes Prozesses ansprechen, im Zuge dessen sich unser Alltags- und Berufsleben mehr und mehr ins Web verlagert, die tatsächlich beunruhigend sein können, die aber in der Diskussion noch relativ selten vorkommen.
1. Mit dem Schlagwort Digital Divide bezeichnet man die Trennlinie zwischen jenen, die Zugang zu Internet und digitalen Medien haben, und jenen, die aus irgendwelchen Gründen diesen Zugang nicht haben. Je mehr sich unser Leben ins Web verlagert (vom Banking bis zum Flirten), umso größer wird die Kluft. Betroffen sind nicht nur jene, die Berührungsängste oder Bildungslücken haben, sondern auch jene, die technisch mit Internet unzureichend versorgt sind, oder wo politische Systeme den Zugang einschränken. Zu den sozialen und wirtschaftlichen Gegensätzen, kommt also jetzt auch noch der eingeschränkte Zugang zum digitalen Leben, was bestehenden Konflikten noch zusätzliche Sprengkraft bringen kann
2. Der Schlachtruf „die Community hat immer Recht“ ist undemokratisch, denn in der Community gibt es keinen Minderheitenschutz. So bestimmen die aktivsten Community-Mitglieder bei Wikipedia den Wissensstand einer Generation. Experten und Berater laufen verständlicherweise dagegen Sturm – sie sehen ihr eigenes Geschäft bedroht, denn wer holt sich teuren Rat, wenn guter Rat im Netz umsonst ist.

Wir Anwender müssen mit den Möglichkeiten des Web 2.0, von social networks bis zum Wiki, umgehen lernen, so wie wir früher mit Lexika und Bibliothekskatalogen umgehen lernen mussten, um zur richtigen Information zu gelangen. Und so, wie man seine Quellen beim wissenschaftlichen Arbeiten hinterfragen muss, muss man auch die Glaubwürdigkeit der Diskussionsbeiträge in Internetforen hinterfragen. Denjenigen, denen der Zugang zum Web verwehrt bleibt, und jenen, die sich bewusst dem Trend verschließen, blühen in Zukunft massive Wettbewerbsnachteile. Dies wird weitere Sprengkraft in soziale Konflikte einbringen, zwischen Nord und Süd, Arm und Reich, Jung und Alt. Ich plädiere trotzdem dazu, keine Angst vor dem Web zu haben, aber ein bisschen Respekt vor den weitreichenden Veränderungen ist tatsächlich angebracht.

Kommentare:

Gerry Wallner hat gesagt…

Hallo Michael

ich stimme Dir in der Mehrheit zu. Denke aber das es diese Diversitaet oder auch Informationsgefaelle incl. diverser Faelschungen schon immer gab. Das ist grundsaetzich nichts neues. Ich erinnere nur an die sogenannte Karls-Faelschung (Karl d. Grosse). Die hatte ueber Jahrhunderte Bestand und war doch eine Faelschung.
Kurzum, es gab immer ein Informationsgefaelle und Unwahrheiten. Aufgrund der Vielfalt & Schnelligkeit der Verbreitung ist es heute sicher einerseits schwieriger aber auch leichter echte Informationen zu extrahieren und diese zu vergleichen. Ob dies dann auch immer die Wahrheit ist? Wer weiss es schon - aber das wusste man frueher auch nicht. Obwohl frueher hat man wohl weniger ge-/bezweifelt als heute ;-)

"Je mehr ich weiss umso mehr weiss ich das ich nichts weiss"

Gruesse
Gerry

Michael Ghezzo hat gesagt…

ganz deiner meinung - allerdings war es noch nie so leicht zu publizieren und eine große masse zu erreichen. unternehmen nutzen bereits web 2.0 im konsumenten zu manipulieren, gezielt informationen zu lancieren etc.
dinge wie crowdsourcing finde ich richtig bedrohlich - auch wenns manchmal spaß macht!

Rainer Knyrim hat gesagt…

Lieber Michael!

Zwei Gedanken zu deinem Blog:

1. Tatsächlich scheinen viele Leute zu glauben, dass das, was sie lesen (egal ob in Papier oder im Internet) die Wahrheit ist. Dieses Phänomän ist insbesondere hinsichtlich Wikipedia mittlerweile als "Wikiality" bekannt (Zusammensetzung aus Wikipedia und Reality), also die Bezeichnung des Phänomens, dass das, was in Wikipedia steht, das einzig Reale und damit Richtige ist. Man muss aber auch bei Wikipedia - wie bei allen Medien - den Wahrheitsgehalt und die Quellen hinterfragen.

2. Kürzlich habe ich im Radio einen interessanten Beitrag gehört, dass Wikipedia eigentlich eine "Wiedererfindung" der Anfänge des Buchschreibens ist. In diesem Beitrag wurde berichtet, dass vor der Erfindung des Buchdrucks Bücher in Europa oft mit der Hand auf Tierhäute geschrieben wurden, die sehr teuer waren. Wenn ein späterer Leser des Buches (etwa ein Mönch in einem Kloster) der Meinung war, dass Textpassagen des Buches überholt oder falsch waren, löschte er sie kurzerhand (was auf den Tierhäuten relativ leicht ging) und schrieb seine eigene "richtige" Meinung stattdessen hin. - Ganz so wie dies heute in Web 2.0 Applikationen der Fall ist.

Wir brauchen also keine Angst vor Web 2.0 haben, denn es ist ein Widerentdecken alter "Kulturtechniken", wir müssen uns aber immer vor Augen halten, dass die Inhalte relativ sind.

Michael Ghezzo hat gesagt…

Hallo Rainer,

amüsanter Vergleich. Allerdings war diese Wissensvermehrung in der Hand einer gebildeten Elite. Kein Wunder, dass die heutige Wissens-Elite, Experten und Berater, dem Trend oft feindlich oder zumindest skeptisch gegenübersteht.

Gemeinhin spricht man von einer Demokratisierung des Wissens, und genau das sehe ich skeptisch - da ersten der Zugang eingeschränkt ist, und zweitens die Rechte von Minderheiten nicht geschützt sind.

lg

Michael